Archiv für den Monat: Januar 2017

Mein Besuch auf dem Technical Summit 2016

Vom 12. bis 13. Dezember fand in Darmstadt der Microsoft Technical Summity 2016 statt. Wie im letzten Jahr wurde als Veranstaltungsort das Darmstadtium gewählt, das für die Durchführung einer solchen Konferenz beinahe perfekt geeignet ist, lediglich einige Räume könnten etwas größer sein. Anders als als im letzten Jahr fand der Summit zwei Wochen später im Jahr statt, so dass auch ein Besuch des Darmstädter-Weihnachtsmarktes möglich war. Da die meisten Teilnehmer natürlich weniger an Glühwein und heißen Maronen interessiert waren (wenngleich es beides auch am Abendbuffet gab), hatte sich der Veranstalter (wie immer die bewährte e-Team< GmbH aus Kiel) einiges für das „Brain“ einfallen lassen.

Der Sprecher für die Keynote am ersten der beiden Konferenztage, die bereits um 8 Uhr 30 begann, war kein geringerer als der Vice President der Cloud Division bei Microsoft Scott Guthrie. Er war schon oft zu Vorträgen in Deutschland, so dass er für die meisten Zuhörer ein vetrautges Gesicht gewesen sein dürfte. Natürlich stand er im vertrauten roten Poloshirt auf der Bühne, aber auch wenig unter dem Einfluss des Jetlag (als der Vortrag begann war es in Redmond bereits 1 Uhr Nachts). Das machte sich auch bei einer Demo zum Thema Azure Machine Learning bemerkbar. Die vorgeführte App war mit Hilfe einer WebCam in der Lage, das Alter von Personen zu schätzen, deren Gesicht von der Kamera erfasst wurde – er wurde offenbar ein paar Jahre älter geschätzt als er tatsächlich ist. Das Faszinierende an der App war aber weniger die Altersschätzung (das gibt es bereits seit ein paar Jahren unter https://how-old.net), oder der Umstand, dass das erfasste Bild anschließend für eine Internetsuche verwendet wurde. In Echtzeit, so dass sein wahrer Name fast verzögerungsfrei angezeigt wurde. Das Faszinierende (und für mich persönlich auch etwas Beängstigende) war, dass die Anwendung anhand der Gesichtsmikik die emotionale Verfassung aller (!) auf dem Bild erkannten Personen anhand ihrer Mimik einordnen konnte – in Echtzeit!

Damit liefert die kurze Demo unter dem Stichwort „Crowd Emotions“ einen Vorgeschmack davon, was in einigen Jahren an „neuralgischen Sicherheitspunkten“ zum Standard gehören könnte: Eine kontinuierliche Gesichtserkennung mit Personenprofilierung in Echtzeit und eine Einschätzung des „Gefahrenpotentials“ anhand der Mimik eines Gesichts. „Emotional Profiling“ als Ergänzung zum „Racial Profiling“. Im Rahmen des Vortrags wurde das natürlich nicht thematisiert bzw. die kleine Demo sollte lediglich andeuten was mit Azure Machine Learning bereits alles möglich ist.

Sehr lehrreich und gleichzeitig unterhaltsam war der Vortrag von Seth Suarez (der „Typ“ von Channel 9) am Ende des zweiten Konferenztages mit dem vielversprechenden Titel „Machine Learning for Developers“. Sein Vortrag wurde auf Channel 9 live übetragen und jeder Zuschauer konnte weltweit Fragen stellen. Seth, der nach eigener Aussage früher Lehrer war, gab in knapp 40 Minuten eine Einführung in das faszinierende Thema, an der das kleine 1×1 in Gestalt der grundlegenden Algorithmen an selbst entwickelten Beispielen erklärte – u.a. wie ein Algorithumus eine Gruppe von Werten auf einer Ebene in zwei Gruppen einteilt. Am Ende wurde es zwangsläufig etwas speziell, aber für den ersten Einstieg war sein Vortrag ideal geeignet.

Am zweiten Tag wurde die Keynote von Entwicklerlegende Erich Gamma gehalten, der einen Überblick über das VsCode-Projekt gab, das unter seiner Leitung in Zürich betrieben wird. Sein Vortrag war sehr gut trotz des etwas übertriebenen plakativen Titel „Microsoft loves Open Source“.

Dazu eine persönliche Anmerkung: Ich sehe die ganze Entwicklung „Microsoft goes Open Source“ nach wie vor mit gemischten Gefühlen und verstehe die Motivation nicht ganz. Auf der einen Seite ist Open Source natürlich positiv. Wir allen profitieren davon, wenn die Komponenten eines Technologie-Stacks quelloffen zur Verfügung stehen und der Quellcode von wichtigen Tools verfügbar ist.

Auf der anderen Seite haben die meisten Entwickler, die im Microsoft-Umfeld arbeiten, überhaupt nichts davon. Am Ende des Tages müssen wir Anwendungen entwickeln, möchten dafür angemessen entlohnt werden und benötigen dafür Tools wie Visual Studio und eine API, die nahe am Betriebssystem ist. Und das ist nun einmal Windows und wird es auch auf absehbare Zeit bleiben. Ob die Tools Open Source sind (was weder Visual Studio noch Windows vermutlich jemmals sein werden) spielt dafür keine allzu große Rolle.

In den von Microsoft orcherstrierten Jubelchor „Wir finden Open Source ganz toll“ kann ich daher nur bedingt einstimmen. Ein Visual Studio Code als Alround-Editor ist nett, aber ich werde es für meine Projekte, von PowerShell-Skripten einmal abgesehen, nicht verwenden. Es ist mir daher auch relativ egal, ob es unter Mac OSX oder anderen Plattformen läuft. Das gleiche gilt für Cross Plattform, was für 90% aller Desktop-Anwendungen, die für Windows in den letzten 20 Jahren entwickelt wurden, absolut keinen Mehrwert bietet und daher auch die Entwickler nicht interessiert.

Man nimmt es auf Konferenzen wie dem Technical Summit zur Kenntnis, aber mehr nicht. Ich denke, ich spreche für die Mehrheit der Entwickler im Microsoft-Umfeld, dass es um einiges wichtiger wäre Microsoft würde WPF weiterentwickeln oder einen Migrationspfad zu den neueren Techniken schaffen, als bei jeder Gelegenheit ausführlichst Werbung für Themen zu machen (Open Source, läuft auch auf einem Mac, irgendeine JavaScript-Erweiterung, Container sind die Zukunft usw.), die nur einen Bruchteil der Entwickler interessieren.

Natürlich haben alle diese „Pseudothemen“ einen Hintergrund – Werbung für die Azure-Plattformen zu machen, in die Microsoft in den letzten Jahren viele Milliarden U$S investiert hat, und die in Zukunft ein Vielfaches an Gewinn abwerfen soll bzw. muss. Schade nur, dass die Haupt-Klientel von Microsoft, die seit Jahrzehnten bereits mit Visual Studio, unter Windows und für Windows entwickeln, dafür nahezu komplett ignoriert wird. WPF war auf dem Technical Summit natürlich kein Thema. Und da wir gerade dabei sind: Es nervt mich inzwischen auch regelrecht, wenn bei einem Microsoft-Vortrag auf einer Entwickler-Konferenz (!) mit großem Brimborium auf der Bühne ein JavaScript-Programm (basierend auf Node) auf dem Niveau eines „Hello, World“-Progrämchens zum Laufen gebracht wird und als Beweis für die neue Coolness und Offenheit herhalten soll – ich weiß nicht, ob es nur mir so geht. Viele sind nicht so kritisch gemessen an dem Applaus, den solche Vorführungen am Ende erhalten.

Auf dem Technical Summit 2015 wurde von Microsoft die German Cloud angekündigt mit Rechenzentren in Frankfurt a.M. und Magdeburg, bei der T-Systems die Rolle des Datentreuhänders spielt. Wenn also die NSA sagt, wir wollen Daten, sagt jemand bei T-System „sorry, geht nicht“. Inzwischen ist sie im Betrieb und kann genutzt werden. Dass es zwischen der allgemeinen Microsoft-Cloud und der „German Cloud“ oder auch der „China Cloud“ tatsächlich keinen Durchgang gibt macht der Umstand deutlich, dass man seine Zugänge neu anlegen muss und in der allgemeinen Cloud angelegte Ressourcen nicht in die German Cloud verschoben werden könnte.

Natürlich gab es auf dem Technical Summit, der sich ja nicht nur an Entwickler, sondern allgemein an die „IT-Pros“ richtet, viele gute und auch ein paar sehr gute Vorträge (empfehlenswert ist z. B. der Deep Dive zum Thema „Events Tracing for Windows“ von Alois Kraus und Wolfgang Kroender am ersten Tag). Im Grunde gab es keinen einzigen schlechten Vortrag, sondern höchstens Vorträge, die mich weniger interessiert hatten. Außerdem wird die Mehrheit der Teilnehmer Jahr für Jahr jünger, so dass zielgruppengerechte Vorträge wie HoloLens und Apps einfach dazu gehören muss.

Positiv ist die bunte Themenvielfalt, durch die alle Teilnehmer in zwei Tagen auf den aktuellen Stand gebracht werden was Microsoft-Themen angeht. Und das an einem angenehmen Ort, der leicht erreichbar ist, am Ende des Jahres, was will man mehr?

Einen Überblick über die Vorträge des Technical Summit 2016 gibt es unter https://www.microsoft.com/germany/technical-summit/nachlese-2016.aspx. Dort gibt es auch Links auf die Videos zu den Vorträgen, sofern sie zur Verfügung stehen.

Ein paar persönliche Fotos von mir gibt es hier.